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Wenn Mama auf einmal allein zu Hause ist

Mann und Kinder verreisen für ein paar Tage. Unsere Redakteurin Barbara Weichs kann ihr Glück kaum fassen. Doch dann steht sie auf einmal vor einer großen Herausforderung


Endlich mal in Ruhe ein Buch lesen oder ins Kino gehen, während die Kleinen mit Papa verreist sind – wünscht sich das nicht jede Mutter irgendwann?

"Was, am Montag schon?“, fahre ich meinen Mann an. Er hat mir gerade durchs heruntergekurbelte ­Autofenster mitgeteilt, dass er den ­Kurzurlaub mit unseren beiden Kindern eventuell schon einen Tag früher als geplant beenden wird. „Falls das Tief und der Regen wirklich kommen“, schiebt er noch erklärend hinterher.


Die drei fahren für ein paar Tage zum Zelten, und ich verstehe ihn. Einerseits. Denn es ist ja auch in meinem Sinn, dass unsere Kleinen nicht bei Regen und ­Kälte auf dem Campingplatz bibbern müssen. Andererseits gibt es ­diese Liste in meinem Kopf. Eine ­Liste voll mit Dingen, die ich machen werde, wenn ich alleine bin – für ganze vier Tage, wie ich dachte. Entsprechend lang ist sie. „Bis Montag schaffe ich das alles nie“, murmle ich vor mich hin. Bevor ich jedoch dazu komme, in Gedanken Dinge auszustreichen, hupt es zweimal, die Kinder winken, meine Familie ist tatsächlich weg. Und ich bin alleine zu Hause – zum ersten Mal, seit unser Sohn (2) auf der Welt ist. Zum ersten Mal habe ich mehr als nur einen Tag Freizeit.

Die Liste ist lang, die Zeit kostbar

Seit mein Mann vor ein paar Wochen verkündet hat, dass er diese Reise mit den Kindern machen wird, freue ich mich darauf. Eine Freundin, ebenfalls Mutter von zwei Kindern, meinte zu mir: „Das ist ja wie ein kleiner Wellness-Urlaub, genieß die Tage.“ Das habe ich auch vor. Trotzdem muss ich mich beeilen, die Liste ist lang, meine Zeit kostbar.

Schnell unter die Dusche. Zum Mittagessen bin ich mit zwei Mamas aus dem Kindergarten verabredet. Wir quatschen und quatschen, und während Marlene und Tina immer wieder auf ihre Uhren schauen, um die Zeit nicht aus den Augen zu verlieren, kümmert mich das heute gar nicht. Ich muss niemanden abholen. Ich bin heute meine eigene Bestimmerin und fühle mich dabei ganz großartig und frei. Listenpunkt „Zeit vertrödeln“: abgehakt.

Essen, fernsehen, schlafen, Zeitung lesen: Luxus pur!

Wieder zu Hause der erste Anruf meiner Familie: Sie sind gut angekommen, das Zelt steht, gleich gibt’s was zu essen. Da fällt mir ein: Ich muss noch schnell einkaufen gehen, bevor die Supermärkte zumachen. Sehr übersichtlich, was schließlich in meinem Einkaufswagen liegt. Mit Genuss esse ich später vor dem Fernseher. Wann habe ich das eigentlich das letzte Mal gemacht? Listenpunkt zwei: erledigt.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, blicke ich ungläubig auf den Wecker: Es ist bereits halb zehn. Ich habe durchgeschlafen und bin ausgeruht, wie schon lange nicht mehr. Doch so gut sich das auch anfühlt, ich vermisse meine Kinder, die sich morgens zu mir ins Bett kuscheln und mit mir ein Buch anschauen wollen. Ich schiebe den Gedanken schnell beiseite und mache mir Frühstück. Zu Croissant und Milchkaffee gibt’s die Zeitung, die ich durchlese, ohne dass meine Tochter (6) „Medien­verbot!“ durchs Esszimmer ruft. Schon wieder ein Punkt weniger.

Buch, Kino – die Liste ist kürzer als gedacht

Bevor ich abends mit meinen Schwestern ausgehe, miste ich endlich mal das Kinderzimmer aus. Wenn meine beiden Sammler dabei sind, funktioniert das nicht. Die Lis­te wird kürzer und kürzer, die Gedanken an meine Lieben nehmen zu. Leider erreiche ich nur die Mailbox. Was machen die bloß?

Tag drei meines Wellness-Urlaubs ist total verregnet. Wie gut, dass ich einen neuen Krimi da habe. Ich verlasse das Bett nur kurz, um mir Tee zu kochen. Am Nachmittag unterbreche ich meinen Lesemarathon, um endlich mal wieder ins Kino zu gehen. Nichts war mir wichtiger als das.

Eigentlich könnten sie zurückkommen...

Zurück zu Hause checke ich meine E-Mails. Meine Mutter fragt, wie es mir so alleine geht und ob ich die Ruhe genieße. Das tue ich in der Tat. Nichts ist während dieser Tage meines Single-Daseins schöner als die Stille. Und ich schätze es wirklich sehr, selbst über meine Zeit verfügen zu können, dann zu essen, wenn ich Lust habe, und nicht, weil die Kinder bald ins Bett müssen. Andererseits habe ich in den vergangenen Tagen auch gemerkt, dass es letztlich gar nicht so viele Dinge sind, die im Alltag mit den Kindern zu kurz kommen. Stattdessen vermisse ich die beiden schon sehr. Ihre lustigen Geschichten und selbst ihre nervigen Ablenkungsmanöver, wenn’s ans Zähneputzen geht. Ich verschwende keinen Gedanken mehr an meine Lis­te. Meinetwegen könnten sie doch am Montag schon wiederkommen.

Da ruft mein Mann an: Das Wetter sei herrlich, erzählt er. Sie kommen tatsächlich erst wie ursprünglich geplant zurück. Schade, denke ich, inzwischen ganz ohne Liste im Kopf. Als ich am Dienstag von der Arbeit nach Hause komme und die Wohnungstür aufschließe, stürmen meine beiden Kinder auf mich zu. Noch bevor ich sie in die Arme schließen kann, fragt mich meine Tochter, was es zum Abendessen gibt – und katapultiert mich zurück in meinen Mama-Alltag.



Barbara Weichs / Baby und Familie; 19.01.2012
Bildnachweis: W&B/Anja Niepagen

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